Traum aus https://refubium.fu-berlin.de/handle/fub188/14026
Adolf, unser gemeinsamer Großonkel, 1936 bei einem Flugzeugunglück verunglückt, reiste im Jahr 2011 völlig unerwartet nach Bückeburg. Er schritt
durch die Eingangstür des Staatsarchivs im Ostflügel des Schlosses, gekleidet wie sein Vater im Jahr 1901 beim Spaziergang an einem sonnigen Frühlingstag. Entsetzt schauen ihn die Archivare an.
Adolf: „Es freut mich sehr, nach vielen Jahren an diesen Ort zurückzukehren. Ich wusste nicht, dass sich jetzt hier ein „Staats“archiv befindet. Ich erkenne die Räumlichkeiten
kaum wieder. Nun gut, ich möchte gerne Unterlagen einsehen, meine Korrespondenz, meine letztwilligen Verfügungen, meine Urkunden, Fotografien ... Ich erinnere, wie ich am
26. März 1936 in ein großes Flugzeug einstieg. Es war in Mexiko. Es war sehr laut an
Bord. Bestes Flugwetter. Die drei Motoren lärmten. Ich hörte einen Knall, die Motoren
stotterten, wir fielen, ein schreckliches Gefühl in der Magengrube, das Flugzeug trudelte,
die Passagiere schrien und mit einem Mal Finsternis, völlige Stille und Dunkelheit.“
Stille im Archiv. Archivare und Bedienstete schauen Adolf nicht in die
Augen. Sie schauen auf den Holzboden, aus dem Fenster, an die Decke. Der
Archivleiter geht einen Schritt in Richtung Adolf und spricht zum ehemals
regierenden Fürsten: „Durchlaucht, das Hausarchiv dürfen Sie leider nicht einsehen,
dazu benötigen Sie die Zustimmung des Fürsten.“
Adolf: „Das verwundert mich doch sehr. Immerhin sind es meine Unterlagen, es sind
doch meine Unterlagen, meine Briefe, es ist mein Archiv. Bei der Gelegenheit gestatte ich
mir die Frage: Gibt es inzwischen einen neuen Fürsten? Ich habe doch abgedankt. Ist die
Monarchie wieder eingeführt worden?“
Archivleiter: „Es tut mir wirklich leid, Durchlaucht, aber wir dürfen keine Auskunft
erteilen. Fragen Sie Ihren Großneffen Alexander, er ist der Enkel Ihres Bruders Wolrad.
Ihm gehören sämtliche Unterlagen. Sie wissen doch, alles war Hausvermögen, sie waren
arm, bettelarm, hochverschuldet, vermögenslos, Ihnen gehört nicht einmal Ihre Privatkorrespondenz, auch keine Fotos. Wo ist Ihre Gattin?“
Adolf: „Meine Gattin saß neben mir, auf der anderen Seite des Flures. Sie schaute mir
in die Augen, als wir aus dem Himmel fielen. Ich habe sie nie wieder gesehen. – Palais
Schaumburg in Bonn, Gut Steyrling, Villa Bellemaison in Höllriegelskreuth, das Palais
hier in Bückeburg, das mir meine Mutter vererbte, die Grundstücke im Harrl. Das war doch alles mein Besitz. Ich möchte diese Orte wiedersehen. Wie kann ich meinen Erinnerungen nachgehen, wie kann ich mein Leben, meine Taten, meine Vergangenheit rekonstruieren. Wer von der Familie lebt noch? Wo ist Harry? Wo sind Stephan, Wolrad und
Friedrich Christian?“
Adolf wurde von Alexander aus Termingründen nicht empfangen.
Adolf bat Alexander schriftlich um Einsichtnahme in das Haus- und Familienarchiv. Adolf bat um Einsichtnahme in SEINE Archivalien. Und Alexander ließ den Archivleiter antworten: „Haben Sie bitte Verständnis dafür, dass einer
Einsichtnahme in die Unterlagen des Fürsten nicht entsprochen werden kann. Der Fürst
lässt seinem Großonkel mitteilen, dass eine Einsichtnahme nur in Frage käme, wenn
Durchlaucht ein ernstzunehmender Wissenschaftler wäre. Durchlaucht sei es aber nicht,
verfolge nur persönliche Interessen, eigene Interessen.“
Adolf verließ das Archiv, stieg nachdenklich und schweigsam die Treppen
hinab. Er stand auf dem Schlossplatz. Die Archivare eilten an die Fenster
und beobachteten den Fürsten, der auf dem Schlossplatz die Fenster der
Schlossanlage absuchte. Er konnte niemanden erkennen, nicht einmal um -
risshaft. Aber die Archivare konnten ihn sehen, auch Alexander, der hinter
einem Vorhang am Fenster seiner Wohnung stand und seinen Augen nicht
traute.
Adolf spazierte durch den Schlosspark bis zum Mausoleum, das er vor vielen Jahren hatte erbauen lassen. Er schaute links vom Eingang über die kleine Friedhofsmauer und erkannte das Grab von Ingeborg-Alix mit dem riesigen Kreuz aus Granit, auch Stephans Grabstätte. Das Mausoleum war verschlossen und die Abendsonne ließ den Platz vor dem Mausoleum in einem
lieblichen Licht erscheinen.
Die Blutbuchen waren nicht mehr zu sehen. Es wurde dunkel und er verließ
den Schlossbezirk, lief einsam die Bahnhofstraße bis zum Bahnhof hinunter
und setze sich in einen Zug. Seine lange Zugreise führte nach Madrid.
Dass er mich besuchte fand ich selbstverständlich, wer anders hatte sich in
der Familie so intensiv mit seiner Geschichte und mit seinem Schicksal auseinandergesetzt? Zwei Bücher hatte ich geschrieben.
Ich holte ihn am Bahnhof Atocha ab, nahm seinen Koffer. Wir spazierten
am Botanischen Garten entlang, auf dem Paseo del Prado bis zur Plaza de
Neptuno, links in die Carrera San Jerónimo.
Adolf war jünger als ich,
53. Er checkte im Palace
Hotel ein.
Nachdem er
sich frisch gemacht hat,
gingen wir bis zum Café
Gijón. Dieses alte Café be -
findet sich am Paseo de
Recoletos Nummer 21.
Es war ein lauer Abend
im April, die Sonne schien noch, die Luft war rein, sie wehte direkt von der
Sierra. Wir setzten uns an einen gusseisernen runden Tisch auf dem Boulevard. Adolf sah mich freundlich an und schwieg.
Ich legte mein erstes Buch auf den Tisch. Ein Kellner in weißem Jackett
brachte zwei Tassen heiße Schokolade, zwei picatostes (ein typisches Gebäck)
und eine Flasche Wasser mit zwei Gläsern. Adolf nahm behutsam das Buch
in die Hand. Bevor er es aufschlug, sah er sich sein eigenes Portrait auf dem
Buchdeckel an. Ich legte ihm sein persönliches Fotoalbum aus dem Jahr
1901 vor. Er blätterte darin. Er erinnerte sich an seine Geschwister, an seinen Vater, an seine Mutter. Dann legte er das Album zur Seite und dachte an
Ellen, seine Frau. Orte wurden in seinem Gedächtnis wachgerufen, Brioni,
Steyrling, Höllriegelskreuth, Vietgest und Bad Eilsen.
Sein Gesicht wirkte gelassen, ausgeruht, schöne, angenehme Erinnerungen.
Plötzlich wurde er unruhig. Er schaute sich um, die Promenade des Paseo
de Recoletos war mit einem Mal menschenleer. Wir waren die einzigen
99
Links:
Plaza Neptuno
in Madrid mit dem
Palace Hotel
Unten:
Café Gijón
Gäste. Dunkle Wolken bedeckten den Himmel. Adolf war blass, schweißgebadet, ob wohl es merklich abgekühlt hatte. Ich fragte, ob ihm nicht gut sei,
ob ich et was für ihn tun könne. Leichenblass stand er auf, setzte sich wieder
hin. Ich neh m ihm das Buch aus der Hand und legte es auf einen Stuhl
neben mir. Es sollte aus seinem Sichtfeld verschwinden. Er sah mich hilflos
an und brachte kein Wort über die Lippen. Und hier hört der Traum definitiv auf. Ich sehe, wie eine Ford Trimotor auf die Erde stürzt, im Hintergrund zwei Vulkane.
Anregung zur Adelsforschung Wie archivalia Leser wissen, habe ich mich ausgiebig mit der NS-Vergangenheit der Prinzen zu Schaumburg Lippe beschäftigt und mein (unvollständiges) Wissen der interessierten Leserschaft online und frei zur Verfügung gestellt. Innerhalb der Familie habe ich schärfste Kritik erfahren. Dennoch bin ich der Ansicht, dass sich meine Arbeit gelohnt hat. Meine These ist bekannt: Bestimmte Mitglieder ehemals regierender Fürstenhäuser haben aus wirtschaftlichem Kalkül den Nationalsozialismus unterstützt, da dieser im Bereich der sogenannten „Fideikommissauflösung“, Lösungen anbot, die das Erbrecht aufhoben und die Favorisierung eines bestimmten Familienmitglieds vorsahen.
Es wäre wünschenswert, wenn diese These vergleichend in anderen Fällen auf ihre Stichhaltigkeit hin überprüft werden würde.
Es bieten sich dafür insbesondere die Fideikommissauflösungsvorgänge der Familien Waldeck, Braunschweig und Oldenburg an. Ich weiss, dass es sehr viel verlangt ist und dass in den jeweiligen Familien wohl kaum ein „Nestbeschmutzer“ (so wurde ich mehrfach betitelt) bereit sein wird, der Sache auf den Grund zu gehen und seine Forschungsergebnisse der interessierten Leserschaft frei zur Verfügung zu stellen. Aber wer weiss, vielleicht findet sich jemand.
Ich kann mir vorstellen, dass der eine oder andere Leser der Ansicht ist, „was interessieren diese Prinzen und Fürsten !“.
Die mich interessierende Frage ist einfach formuliert:
War die (vermeintliche) Elite bereit, Mord und Totschlag billigend in Kauf zu nehmen, um ihre eigene Position zu stärken ? Sind vermeitliche Eliten bereit gewesen, mit Himmler zu paktieren, um wirtschaftliche Vorteile zu erlangen ?
Nach meinem Kenntnisstand würde ich diese Frage unumwunden mit ja beantworten.
Weitergedacht: diesmal nicht auf den Hochadel bezogen, sondern auf „Eliten“ jeder Art, gleichgültig welche „Elite“ (ob Geld, Industrie oder Politik), was passiert wenn sie in die Gefahr gerät, ihre Position zu verlieren ? Würde sie im 21. Jahrhundert mit einem neuen Himmler paktieren, ihn unterstützen ?
Da ich der Überzeugung bin, dass diese Gefahr immer existieren wird, halte ich es für wichtig, dass das Verhältnis zwischen den „Eliten“ und den politisch und wirtschaftlich Mächtigen immer wieder untersucht wird. Denn aus den Verhaltensmustern kann gelernt werden, welche Gefahr von solchen Kooperationen ausgehen können.
Deshalb müssten die Parallelfälle Braunschweig, Oldenburg und Waldeck während des „Dritten Reiches“ untersucht werden.
Bezeichnend war nicht nur dass Familienmitglieder dieser „Häuser“ in die NSDAP eingetreten waren, sondern dass sie in der SS höhere Ämter bekleideten. So war Josias von Waldeck General der Waffen SS und Adjutant von Himmler gewesen. Ernst August, Herzog zu Braunschweig-Lüneburg, sowie sein Sohn waren beide Mitglieder der SS. Die Nähe einiger Mitglieder der Oldenburger zu Himmler kann bei Ingeborg Alix Prinzessin zu Schaumburg Lippe (geborene Herzogin von Oldenburg) nachgelesen werden. Siehe Bunte Bilder Band 2, S.45: „Himmler kannten wir ja schon seit Josias (Prinz von Waldeck) ihn, Jahre vor der Machtergreifung, als er noch en kleiner unbedeutender Diplomlandwirt war nach Lehnsahn (Familiensitz des Grossherzogs von Oldenburg) mitbrachte“.
Wenn hinzukomt, dass die Fideikommissauflösungsgesetzgebung insbesondere von der SS entworfen wurde, so sind die Zusammenhänge mehr als deutlich. Oldenburger, Waldecker, Schaumburger und Braunschweiger waren Lobbyisten in eigener Sache.
Wer möchte diese „Spur“ ausleuchten und die Geschichtswissenschaft ein ganzes Stück weiterbringen ? Wer sich bereit erklärt, sollte zuerst die bestimmt sehr umfangreichen und dem äusseren Anschein nach hochkomplizierten Fideikommissakten studieren. Diese „Verfahren“ verschleiern den wahren Kern. Dekonstruktion ist die Methode die weiterhilft. Mit Widerstand bei den lokalen Staatsarchiven ist zu rechnen.
Wer meine Thesen als erwägenswert akzeptiert kann ja meine Studie als orientativen Leitfaden nutzen. Ich gehe davon aus, dass die Parallelfälle exakt dem selben Muster folgen werden.
Ein derartiges Forschungsprojekt müsste gemeinsam von Juristen und Historikern in Angriff genommen werden.